Zeitkampf Teil IXV: “Freizeit“
Sonntag, 21. September 2008Hatte ich erwähnt, dass unter dem Leben mit Kind die Arbeits-Effizienz erheblich leidet? Dass jede Tätigkeit einer Mutter mit 99%iger Wahrscheinlichkeit unterbrochen wird? Dass jeder Handgriff, der nicht direkt dem Wohlbefinden ihres Sprösslings dient, sekundäre Priorität bekommt und somit schlampig ausgeführt zu werden droht? Laut einer nicht bestätigten wissenschaftlichen Umfrage wird das Wort „Zeitmanagement“ in Familien häufiger gebraucht als in jeder Business-Chefetage.
Statistik: Wort „Zeitmanagement“ in Familien (blau) und im Businessleben (rot) pro Woche in prozentualer Häufigkeit zum Wortschatz. Quelle: privat.
Und dennoch springt in der Businesswelt unfairerweise ungleich mehr Bares heraus. Obwohl wir als kleine Familie seit der Geburt unseres kleinen Prinzen wahre Höchstleistungen in Sachen Zeitmanagement bringen (wobei die Misserfolge mit nachfolgendem Lerneffekt als doppelte Erfolge gezählt werden dürfen – merken Sie sich das!), und sich dieser Erfolg in vielerlei Hinsicht positiv auf das Projekt-Ergebnis, ein wonneproppiger, überdurchschnittlich agiler Prinz mit überdurchschnittlich hellem Geist und über aller Erwartung liegender, rasender Entwicklung seines Potentials (welches, Sie wissen schon, überdurchschnittlich ist) – trotz aller wissenschaftlich beweisbarer produktbezogenen Effizienz läuft unser Familien-Schiffchen wirtschaftlich gesehen auf Grund. (Vielleicht gerade WEGEN der guten Leistung? Eigentlich sollte man ja DAFÜR bezahlt werden – nicht für was man daneben auf die Reihe kriegt.)
Was muss Mami tun, um wieder wirtschaftlich gesehen erfolgreich zu werden? Genau: mehr arbeiten, richtig arbeiten. Und was ist die Konsequenz davon? Genau: Kind abgeben und den Spagat machen, den so viele Mütter in unserer Zeit täglich üben. Bis die Adduktoren gezerrt sind, das Herz blutet und der Schrei des Aufbegehrens im Hals erstickt ist. Zum Glück gibt es Omis. Unseres Prinzen liebste Oma, so beschlossen wir, sollte noch mehr Gewicht bekommen, bildlich gesehen.
Was für Prinz und Oma Quelle des Glücks bedeutet, heisst für Mutti: effektiv sein. Schaffen. Jede Minute nützen. Schreibarbeit. Abrechnungen. Kunden-Aquirierung. To-do-list Punkt für Punkt abarbeiten. Plus Wunschliste des Ehemanns: Haushalt updaten. Allein dieser letzte Punkt entspricht in etwa 80 Arbeitsstunden à 60 Minuten, ökonomische Bilanz = null.
Ich hatte also viel vor an jenem ersten FREIEN Arbeits-Halbtag seit 11 Monaten. WOW! Kind um 8 Uhr aus dem Haus, chéri dito, 4! Stunden pure Effizienz lagen vor mir. Vor lauter Begeisterung über diesen Berg an Möglichkeiten, vielleicht spielte auch der monatelange Schlafmangel eine kleine Rolle, wurde ich etwas müde und legte ich mich kurz aufs Sofa.
Ich erwachte 3 Stunden später, glücklich, dass es noch für einen Kaffee langte, nahm eine Dusche, packte meine Sachen und holte voller Vorfreude meinen kleinen Prinzen bei Omi ab.
Beim nächsten Mal FREIE Zeit packe ich die Sache anders an, und gehe SOFORT nach der obligaten Stunde Hausarbeit schwimmen. Ökonomische Bilanz: minus CHF 5.-, subjektives Wohlbefinden: plus 100 Punkte. Die Effizienz muss halt warten.
