Superheldin mit Krebs

Cancer Woman habe ich gelesen, während ich am Chemo-Tropf Nr. 5 hing. Wenn man wie ich als relativ junge Frau von Brustkrebs betroffen ist, sind die Widerwärtigkeiten, die einem die Krankheit zwischen die Beine wirft, besonders effektvoll: Verstümmelung trifft auf Jugendwahn, Depression auf Übermut, Unfruchtbarkeit auf Kinderwunsch, Erschöpfung auf grosse Lebenspläne. Normalerweise ist man Mitte dreissig noch nicht im Stadium, wo man sagt: Hauptsache gesund. Die Diagnose katapultiert einen recht unbarmherzig in Gefilde, die man zuvor jenseits der 70 vermutet hatte. Natürlich ist das nicht nur schlecht, so etwas wie geistige Reife hat noch keinem Jungspund geschadet. Aber: man wehrt sich, will sich eine gewisse Rest-Unbeschwertheit bewahren, Dummheiten begehen, das Leben feiern, Äusserlichkeiten betonen, extra. Und dann merkt man: Trotzen ist gesund! Wut ist gesund! Umso besser, wenn solch geballte Energie die Schleusen des Jammertals passiert und sich kreativ zu etwas formt. Egal was. Besonders gut ist dies Marisa Acocella Marchetto aus New York gelungen. Ihr verdanken wir eine neue Superheldin: Cancer Woman.

Es ist die autobiographische Geschichte einer Frau Anfang 40, die an Brustkrebs erkrankt ist. Was das Buch einzigartig macht: Es ist ein Comic. In witzigen, frechen und berührenden Bildern erzählt Marisa Acocella Marchetto vom Jahr eins nach der Diagnose; vom Schock, der Konfrontation mit der Todesangst, von ratwissenden Freunden, der Chemotherapie, fehlender Krankenversicherung, von der Liebe, schicken Schuhen und vor allem: Vom Weiterleben.

Und die Art, wie sie das tut, ist tatsächlich heldenhaft. Acocello wandelt sich vom it-Girl mit it-Sorgen (Schuhe, Haare, Kleidergrösse..) zu Cancer Woman, die sich nicht unterkriegen lässt und sich der Herausforderung Krebs mit viel Verve stellt. Sagt der Krebs zu ihr: Du steckst mittendrin im Kampf um dein Leben. Sagt sie zu ihm: Dito.

Etwas gar schneidig schnell verflüchtigen sich scheinbar alle Schwierigkeiten. Fehlende Versicherung: Hochzeit! Drohender Haarausfall: Chemo light! Und natürlich findet sie kurz nach dem Bruch mit ihrem Freund den Mann fürs Leben, reicher it-Besitzer eines it-Restaurants, der ihr bedingungslos zur Seite steht. Eine amerikanische Geschichte halt, deren vorläufiges Happy-End wir der Autorin jedoch von Herzen gönnen.

Übrigens hat Acocella mit einem Teil des Erlöses aus Cancer Woman einen Fonds ins Leben gerufen, mit dem bis heute über 600 Mammographien finanziert wurden.

Cancer Woman wird mit Cate Blanchett in der Hauptrolle verfilmt.

Und wer dem Krebs wie Acocella mit High Heels in den Hintern treten will, kann dies auf ihrer Homepage tun. (www.marisamarchetto.com)