Kategorie-Archiv: Mama Stuff

Spiesser

Damals, vor dem Kind, waren wir jung. Wir waren in, trendy, cool, hipp, modern, sexy, frisch, locker, en vogue.

Man ging aus, machte sich schick, war Teil der Szene. Man kümmerte sich um seinen Body, machte Sport, liess sich massieren und die Füsse pediküren. Man hatte Feierabend, Ferien und freie Wochenenden, an denen man sich um sein Ego und um seine Partnerschaft kümmern konnte.

Wir shoppten, reisten, tanzten, lasen die Zeitung, glotzten TV, gingen ins Kino, ins Theater, an Konzerte. Wir pflegten unseren Freundeskreis, kümmerten uns um die Wohnungseinrichtung und waren Gelegenheitsraucher. Wir fuhren im Winter Ski und lümmelten uns im Sommer am See. Wir kauften Biogemüse und liessen uns Biowein ins Haus liefern. Geldsorgen kannten wir nicht: es floss rein und wieder raus bis das Konto überzogen war, was kümmerte es uns. Wir verbrachten ganze Sonntage im Bett und pflegten die Montage zu verfluchen. Die viele freie Zeit und die Egozentriertheit verführten uns ab und zu, seelische Wunden und alte Traumata zu kultivieren, bis sie Blüten trieben (dochdoch, das funktioniert! macht Spass!), uns dezente Fältchen ins Gesicht gruben und ein paar graue Häärchen wachsen liessen. Gefundenes Elend konnte dann gelegentlich in dunklen verrauchten Bars im Alkohol ertränkt werden. Mann, war das cool!

Dann: Neun Monate Ausnahmezustand. Hier für einmal ohne Kommentar.

Dann: Das Kind. ALLES WIRD ANDERS. Sollten wir nicht doch eine Haftpflichtversicherung abschliessen? Einen Bausparvertrag? 3.Säule? Bei Rotlicht anhalten? Den Fussgängerstreifen benutzen, um die Strasse zu überqueren? Uns angurten? Velohelm tragen? Cumuluspunkte sammeln? Gesundheitsschuhe tragen? Die Fotos ins Album kleben? Kochen? Weniger fluchen? Im Grossmarkt einkaufen statt im Bioladen? Die Hände lassen vom Alkohol und den Zigaretten? Damit aufhören, „PUNK IS NOT DEAD“ in öffentlichen Toiletten an die Wände zu kritzeln? Heiraten? Uns für einen gemeinsamen Familiennamen entscheiden? Das Sexspielzeug entsorgen? Die Eltern öfter besuchen? Das „Wir Eltern“ abonnieren statt der “Vogue“? Erwachsen und vernünftig werden? Einer Partei beitreten? Uns gemässigter anziehen? Uns siezen lassen? Einen Hausarzt suchen?

Bei anderen Themen erübrigt sich die Fragerei. Vieles ändert sich von allein, Frauen! Ob Sie das nun wollen oder nicht: Sie werden regelmässig essen müssen (vor allem, wenn Sie stillen), ergo kochen, ergo können Sie nicht mehr lässig in der Mittagspause einkaufen gehen, sondern Sie dürfen ab sofort mit der Masse zu Stauzeiten vor der Kasse Schlange stehen. Da Sie nicht mehr hopp-hopp jederzeit zum Takeway oder zur Pizzeria können, stehen Sie plötzlich vor der Herausforderung, kochen zu müssen, und wenn schon, dann doch auch pünktlich zum Feierabend ihres Mannes. (Nach intensiv gesammelten Erfahrungen auf diesem Gebiet bin ich zum Schluss gekommen, dass dieser Punkt mit Sicherheit viele Frauen zurück in die Wirtschaft treibt, Erholung am Arbeitsplatz suchend.)

Sie werden rufen: „Schahaaatz, Essen ist fertig, wie war dein Tag?“ Und Sie werden statt des sexy Negligés eine nach vergorener Muttermilch riechende Schürze tragen, und statt wilden Gerammels auf dem Küchentisch werden Sie sich nach dem Essen („hat es dir geschmeckt, Schatz?“) artig einen Kuss geben und todmüde ins Bett fallen. Überhaupt: Sie werden früh zu Bett gehen, und früh geweckt werden. Statistisch gesehen werden Sie neun Jahre lang nicht mehr ausschlafen können. Auch nicht sonntags. Sie werden eine Weile lang das 10Minuten-Nickerchen ohne Zögern dem 10Minuten-Quickie vorziehen.

Ihr Wortschatz wird sich dramatisch verändern. Jedes fünfte Wort bekommt plötzlich die Endung „li“, und das Fluchen erledigen Sie gemässigter oder ganz intern. Ihr Wortschatz erweitert sich um Begriffe wie „Maxi-Cosi“„Kolostrum“ oder „Frustrationstoleranz“. Ihre Figur wird weicher und rundlicher, das Muskelgewebe weicht den Fettzellen, und wenn Sie rennen, drehen sich die Knie nach innen, die Knochen knacken und es wabbelt um die Hüften. Voilà: Sie rennen WIE EINE MUTTI. Die Brustwarzen zeigen nach der anfänglichen prallen Keckheit deutlich nach unten. Das Decolleté wirft Falten. Die Sicht von oben auf den Venushügel ist nicht mehr frei. Den Bikini Modell „filo dental“ tauschen Sie gegen einen dezenten Tankini, falls Sie sich überhaupt noch in die Badi trauen.

Sie tragen immer mindestens drei Taschen mit sich herum: zwei fürs Kind und eine mit Essen (fürs Kind). Und weil’s so praktisch ist, kaufen Sich sich einen grossen Einkaufskorb, den Sie in der Ellenbeuge tragen. Ihre Kleidung wird praktisch, das Aussehen egal. Alte, weite Hosen, ausgeleierte, fleckige T-Shirts. Sie schlafen nicht mehr sexy nackig, weil Sie des nachts öfter ihr Kind in der kalten Stube umhertragen dürfen: Ein Pyjama muss her! Der sexy Hintern Ihres Gatten ist weniger interessant als die Frage, ob er die Baby-Windeln diesmal in der richtigen Grösse gekauft hat.

Die eigenen Eltern sehen Sie auf einmal aus einer ganz anderen Perspektive: hatten sie vielleicht nicht doch ab und zu recht? Familienanlässe beginnen Spass zu machen, und vielleicht organisieren Sie sogar selbst einen. Für die Wochenenden suchen Sie nach familienfreundlichen Aktivitäten und finden sich ergo im Hauptstrom der Massen, die ebenfalls familienfreundliche Aktivitäten begehen wollen.

Überhaupt, man beginnt Kuchenrezepte, heisse Tipps für das beste Waschmittel und die Entfernung von Obstflecken auszutauschen, und man diskutiert die Anschaffung eines Kleinbusses, einer Wohnwand und eines Nass-Staubsaugers………..

Adé Individualismus! Adé Extravaganz! Adé Pubertät!* Willkommen in der Welt der Normalos! Eigentlich ganz nett hier.

PS: Ist es nicht interessant, dass diejenigen, die uns zu Spiessern gemacht haben, nämlich unsere Kinder, genau die sind, die uns das in nicht allzu ferner Zeit vorwerfen werden? Aber wir, bis dahin weise und gelassen, werden lächelnd entgegnen: Wartet nur, bis ihr selber Kinder habt. Ihr werdet schon sehen. (und dabei klingen wir wiederum so unendlich spiessig, dass unsere Kinder uns natürlich kein Wort glauben wollen…)

* Diese dauerte im Falle der Autorin bis deutlich über die 30, wobei es sich dabei um die dritte Pubertät handelte, die sich übergangslos an die zweite anschloss, welche wiederum direkt auf die erste folgte.