Kategorie-Archiv: Weibereien

Sturmfrei

Samstag Abend. Alle beiden Mitglieder meiner lauten Grossfamilie sind ausgeschwärmt. Der kleine Prinz wütet bei Omi, der grosse mit den schweren Jungs im Casino. Sturmfrei. Wow! Und was jetzt? Die Möglichkeiten sind ungezählt: Kino. Tanzen gehen. In den Bars abstürzen. Party machen. Freunde besuchen. Freunde einladen. Pokern bis zum Morgengrauen. Jassen. Onanieren. Stundenlang mit meinen Freundinnen telefonieren. Walken gehen. Fahrrad fahren mit Eiswind um die Ohren. Ein Iglu bauen. Liebhaber einladen. Musik aufdrehen, Mani Matter volle Pulle. Glotze glotzen, bis die Augen glühen. Lesen. Surfen. Chatten. Eis essen. 

Ich könnte auch: Wäsche waschen, Geschirr spülen, Staubsaugen, Bügeln (kotz!), Fenster putzen, aufräumen. Könnte ich, passt aber wenig zum Freiheitsgefühl, also lasse ich das Hausfrauengetue bleiben.

Ich entscheide mich für den Rückfall in die Pubertät: Sturmfrei = eine RAUCHEN! Wow, heimlich auf die Terrasse, Kippe, dazu einen Cynar auf Eis. Drinnen RTL, lautlos. Ja, man, what a feeling. Mir wird schwindlig vom Paffen. Es ist viertel nach acht, und es ist ruhig. So ruhig, dass es in den Ohren piepst. So ruhig, dass mir noch mehr schwindlig wird. So ruhig, dass es irgendwie komisch ist. Wo sind denn die lärmigen Nachbarn von oben? Und die mit dem Schreibaby von nebenan? Ich hab sturmfreien Plattenbaublock

Die Schmalspurbahn rauscht vorbei. Vorhin, auf der Terrasse, beim Rauchen, hatte ich noch Lust zu rufen: “He! Hallo! Kommt vorbei! Ich hab sturmfrei!” Jetzt bin ich froh, hab ich’s nicht getan.

Halb neun. Mir ist immer noch schwindlig. Rauchen, so was doofes, also wirklich.

Die liebende Mutter, anstrengendegestrengte Ehefrau, erfolgreiche Geschäfts- und erfolglose Hausfrau geht schlafen, Samstag abends um halb neun. Was gibt es Schöneres?