Liebe Grossmütter

Oft, sehr oft habe ich meine Mutter in den letzten drei Jahren gefragt: Wie hast du das bloss geschafft? Wie hast du das gemacht mit deinen vier Kindern, die du im Einjahresrhythmus geboren hast? Ich meine, ich habe EIN Kind. Meine Grossmutter mütterlicherseits hatte elf Kinder, diejenige väterlicherseits acht. Warum ist es so schwierig für uns? Wie kommt es, dass wir mit einem, zwei Kinder an die Grenzen unserer Belastbarkeit stossen, wo unsere Grossmütter die x-fache Belastung wegsteckten und mit einem Lächeln im Gesicht alt wurden? Fragen kann ich meine Grossmütter nicht mehr. Meine Mutter schon. Sie zeigt viel Verständnis für mich und die Frauen meiner Generation. Doch da sie meine Mutter ist, bezweifle ich ihre Objektivität (sorry, Mama). Sind Mütter nicht immer verständnisvoll und nachsichtig uns Töchtern gegenüber?

Sind wir tatsächlich verwöhnt und gnadenlos verweichlicht? Degeneriert? Jammern da, wo unsere Ahninnen nicht mal an die Möglichkeit des Jammerns gedacht hatten? Oder sind die Umstände soviel schwieriger als früher? Ha! Denke ich da nur, von wegen: Meine Oma schmiss neben dem Gebären und Grossziehen von ihren elf Kindern einen Bauernhof, sie war weder im Besitze einer Waschmaschine noch einer Brotknetmaschine, und sie musste jeden Rappen dreimal umdrehen, bevor sie ihn ausgab.

Einen Mann? Doch, hatte sie, einen Spezialisten für Palaver und Kafi Gügs.

Bessere Umstände?

Gerne hätte ich sie gefragt, wie sie das geschafft hat. Wie es ihr dabei ging. Hat die Kraft immer gereicht, oder lief sie jahrelang auf dem Zahnfleisch und lächelte dabei, so, wie sie es als brave Katholikin gelernt hatte? Schmerzen tapfer ertragen, die andere Wange hinhalten, den Nächsten mehr lieben als sich selbst, solange, bis es ein „ich selbst“ nicht mehr gab?

Oder war es okay; hart, aber schön? Vielleicht war sie im „Flow“ beim Stoffwindeln und Bettwäsche waschen, Schweine misten, Kinder stillen? Vielleicht machte die Geborgenheit innerhalb der Familie alle Mühen wett?

Stand sie nachts auf, wenn ein Kind schrie?

War sie gelassen oder tat sie nur so? Litt sie? Hatte sie Träume? Träume von einem ganz anderen Leben? Einem anderen Mann, anderer Arbeit, anderen, (weniger) Kindern? Hatte sie Lust auf Sex, oder liess sie ihn – eheliche Plficht- halt drübersteigen, wenn er das Bedürfnis verspürte?

Elf Schwangerschaften, elf Geburten, elf mal Wochenbett (das mit Sicherheit kein Wochenbett war, sondern höchstens ein Stundenbett, bevor es wieder an die Arbeit ging), elf mal wieder von vorne anfangen.

Ich bin mir sicher, es war sehr, sehr hart für sie und Millionen andere Mütter ihrer Generation. Und ich bin mir sicher, wäre ich jetzt in dieser Situation, ich würde es nicht schaffen, weder physisch noch psychisch. Warum?

Weil ich es mir nicht gewöhnt bin, richtig hart zu arbeiten. Weil ich als Kind weder auf dem Kartoffelacker noch beim Heuen anpacken musste. Weil ich als Kind warme Hosen, weiche Schuhe und ein kuscheliges Bett für mich alleine hatte, und weil … überhaupt.

Sprich: Verglichen mit meiner Mutter und meiner Grossmutter BIN ICH VERWEICHLICHT. Aber ich wage zu behaupten: Ich kann nichts dafür. Die Zeiten sind anders. Die Zeiten sind so sehr anders, dass es selbstverständlich ist, dass ich öffentlich darüber lamentiere, dass mein Zwei-Personen-Haushalt über keine Geschirrspülmaschine verfügt.

Dafür schäme ich mich. Eigentlich.

Andererseits stellt sich immer die Frage: Woran scheitern wir? An den Umständen selber oder an unseren Idealen?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>