Authentizität

“Es gibt keine andere vernünftige Erziehung, als Vorbild sein. Wenn es nicht anders geht, ein abschreckendes.” (Albert Einstein)

Wikipedia sagt: Authentizität (von gr. authentikós „echt“; spätlateinisch authenticus „verbürgt, zuverlässig“) bedeutet Echtheit im Sinne von „als Original befunden“. Als authentisch gilt, wenn beide Aspekte der Wahrnehmung, unmittelbarer Schein und eigentliches Sein, in Übereinstimmung befunden werden.

Das klingt gut. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre ein Kind, dann würde es sich gut anfühlen, in diesem Sinne authentische Eltern zu haben. Es würde mir grösstmögliche Sicherheit bieten. Weil es ehrlich wäre, weil es echt wäre, weil es keinen doppelten Boden und keine Hintertür gäbe. Weil es genau so wäre, wie es sich anfühlt.

Kleine Kinder sind, wenn man sie lässt, zu 100% authentisch. Sie zeigen sich so, wie sie gerade sind: glücklich, wütend, traurig, stolz, ängstlich. Mit dem Erwachsenwerden gibt sich das. Man lernt, sich zu kontrollieren, sich zusammenzureissen, Gefühle zu verbergen. Schliesslich kann man ab einem gewissen Alter nicht mehr einfach losschreien, wenn man Hunger hat, oder Schmerzen, oder Kummer. Dann wird es schwierig mit der Authentizität. Wie beibehalten und später den Kindern vorleben?

Mein Sohn fragt mich regelmässig: „Hesch Freud, Mama?“ Erraten, meist kommt diese Frage, wenn ich gerade nicht so viel Freude habe. Was soll ich ihm antworten? Wäre es authentisch, zu sagen: „Weißt du, Sohn, ich habe Angst, ich bin am Verzweifeln, ich bin einsam, ich bin so traurig wie ein brackiger Moorsee.“ Oder: „Ich könnte im Moment grad deinen Vater erwürgen.“ Oder: „Sohn, Du gehst mir grad so was von auf den Geist.“

Den Weg, den ich bisher gewählt hatte, war: verbissen lächeln und antworten: „Natürlich freue ich mich!!“ Da haben wir ihn: den Zusammenreiss-Instinkt, Killer jeglicher Authentizität. Tief in die menschliche Psyche eingefräst. Tapfer sein! Stark sein! Lächeln! Ein gutes Vorbild sein!

Ein gutes Vorbild? Da lebe ich wohl eher genau das Gegenteil von Authentizität vor. Ich fürchte, ein Kind versteht nach so einer Antwort die Welt nicht mehr. Denn was es hört, ist nicht das, was es fühlt. Also wird es A) seinen eigenen Gefühlen misstrauen, oder B) der Mama nichts mehr glauben und C) dem Vorbild folgen und ebenfalls tapfer lächeln, wenn es losheulen möchte. Autsch!

Ich übe mich also in der hohen Kunst der Authentizität. Sich üben ist übrigens sehr authentisch.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>