Ein Sonntag im Frühling

Sonntagnachmittag, Frühling, Sonne, ein Spielplatz in Zürich. Kinderlachen, gerötete Wangen, Streit um den Bagger im Sandkasten. Ein Dreikäsehoch dreht mit seinem Fahrrad holprige Kreise auf dem feuchten Gras. Es ist schön. Mein Mann turnt mit unserem Sohn am Klettergerüst herum. Ich sitze auf einer Bank, lasse mich von der Sonne bescheinen, neben mir im Kinderwagen das schlafende Baby. Mit Wonne beobachte ich die verschiedenen Szenerien.

Ich geniesse es, als Familie aufzutreten. So zu tun, als ob. Sie wissen schon: glückliche Familie mit zwei Kindern, schweizer Standard, wenn auch mit dunkelhäutigem Papa, aber alles durchaus in der Norm. Kraftstrotzender Sohn, stolzer Papa, besonnen lächelnde Mama, selig schlafendes Baby. Man könnte neidisch werden auf sich selbst.

Ich kam ins Sinnieren. Liess mich verführen vom allzu verlockenden Traum einer intakten Familie. Liess mich inspirieren von den vermeintlich neidischen Blicke der vermeintlich Alleinerziehenden. So entspannt hatte ich mich seit Jahren nicht auf einem Spielplatz gelümmelt. Sondern: rennend, schaukelnd, rutschend,schwitzend, rettend, intervenierend. Ich befand es als hochgradig biologisch rechtmässig, dass Frau sonntags mal kurz die Beine hochlegt und lächelnd dem Treiben ihrer Familie zusieht, während der Ehemann mit der Brut um die Wette spurtet.

Genauso wie es hochgradig biologisch rechtmässig ist, dass es zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts dazu braucht, ein Kind zu zeugen, ist es hochgradig biologisch rechtmässig, dass sich diejenigen beiden die Aufgabe der Aufzucht (welch Unwort!) teilen. Und es ist nicht dasselbe, sich diese Aufgabe 50:50 aufzuteilen, wie GEMEINSAM für das Kind da zu sein. Wie herrlich, wenn sich der Kinderfokus auf zwei Personen verteilen kann! Wenn sich das Maaaaaaaama! Maaaaaaama! Maaaaaama! mit Paaaaapa! Paaaaaapa! Paaaaapa! abwechselt, und man zwischendurch Luft holen kann, ohne das Kind „abschieben“ oder jemandem „andrehen“ zu müssen, was auf Dauer biologisch hochgradig ungerechtfertigterweise mit schlechtem Muttergewissen einhergeht.

Dafür hat Gott die Sonntage erschaffen, auf dass Mann und Frau sich einen Tag in der Woche die Zeit nehmen, gemeinsam luxuriös viel Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, und sich alle anfallenden Aufgaben rechtmässig aufzuteilen.

So sass ich da und träumte. Bis das Baby neben mir plötzlich und dringendst nach der Brust meiner Schwester schrie; unser Sohn einen Wutanfall bekam, weil er den Spielplatz verlassen musste; sich eine üble dicke Wolke vor die Sonne schob; und mein Mann sich wieder in meinen Exmann verwandelte.

Wir verliessen den Spielplatz im Laufschritt. Doch wir werden wiederkommen.


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