Gegen den Wind

Die Redewendung „mich trifft der Schlag“ passt ganz gut auf den Moment, in dem urplötzlich ein Kind in dein Leben tritt. Eigentlich ist „Schlag“ noch gütlich untertrieben. Von wegen neun Monate Vorbereitungszeit! Wie sollte man sich denn vorbereiten, wenn man nicht weiss, worauf? Und auf wen?

Ich meine, haben Sie vielleicht während Ihrer Schwangerschaft in irgendeinem Ratgeber gelesen, ob es legitim ist, das Baby im Kinderwagen draussen vor der Bäckerei zu parken, während Sie ein Brot kaufen? Was Sie tun können, wenn Ihnen vom Babykacka-Geruch speiübel wird? Oder Sie beim Sichten von Kleinstmengen kindlichen Blutes ohnmächtig werden? Ob es erlaubt ist, den sich duziduzi über Ihren Kinderwagen beugenden Passanten in den Hintern zu treten? Dem Kinderarzt den Vogel zu zeigen? Kinderwagen-Inhalte von Mitmüttern zu ignorieren?
Und überhaupt: Darf man die Schnäbitänze der Dreijährigen lustig finden?

Ich erinnere mich an eine Situation, wie ich, es war Winter, auf dem Wochenmarkt in einer Mischung aus Mutterstolz, Unsicherheit, körperlicher Erschöpfung und geistiger Kindbettdemenz promenierte und mich des dringend Einzukaufenden nicht mehr entsann. Ich promenierte also und navigierte meinen antiken Monsterschrott-Kinderwagen mit Rechtsdrall (woher wissen, was kaufen? Haben Sie vielleicht einen Kinderwagen-Ratgeber gelesen? pha!) durch den Schneematsch.

Die Bise biss mir ins Gesicht und machte mich aggressiv. Das tut sie immer, das bin ich mir gewohnt. Doch eben: Nach dem Schlag ist nicht vor dem Schlag. Darf eine frischgebackene Mutter sich durch einen simplen, unschuldigen Biswind aggressiv machen lassen? Ja um Himmels Willen, wo führt das hin? Wie wird das erst, wenn das arme Kind pubertiert? Gut, ok. Nach dem Schlag ist nach dem Schlag. Ich bemühte mich, meinen geht-mir-alle-aus-dem-Weg-und-wehe-jemand-wagt-es-mich-anzusprechen-Blick nach innen zu richten und nach aussen auszusehen wie eine glückliche, liebende, entspannte, ausgeschlafene Mutter. (pha!!)

Und voilà, was ich davon hatte: Ich wurde angesprochen. Von jemanden, der mich noch nie im Leben angesprochen hat, und der mich auch weiterhin nie angesprochen hätte, hätte ich nicht einen Kinderwagen vor mir hergeschoben. Ein politischer Werbefrizz. Mit Werbefrizzballon. Der sich wohl gedacht hat, oder in zig Weiterbildungen gelernt hat: Ha, einer liebenden, glücklichen, entspannten, ausgeschlafenen Mutter, der lässt sich garantiert ein Werbeballon andrehen, weil, die liebt ihr Kind, und Kinder brauchen Ballons für die kindgerechte Entwicklung.

Mein Kind war wenige Wochen alt, und ich sowas von baff, dass des Frizzen Marketingstrategie aufging. Mit siegesgewissem Frizzenlächeln befestigte er den Ballon an meinem Kinderwagen, und ich, ich sagte danke (!!!) und trottete verdattert weiter. Tja, dachte ich mir, was willst du, du bist jetzt Mutter, und Mütter LIEBEN Ballons am Kinderwagen. Besser, du gewöhnst dich früh daran. Lächle, Eva, lächle! Derweil der Ballon, angestachelt durch die Bise, im Sekundentakt in meine blöde grinsende Visage knallte.

Ein Sturm fachte auf. Innerlich, meine ich, und ich fühlte, wie meine Milch sauer wurde und sich meine Pupillen, bösartig funkelnd, weiteten. Adrenalin pumpte durch meinen Körper und verdrängte jegliche Glückshormone, falls sich noch irgendwo welche versteckt hatten.

Unruhig blickte ich in die Markt-Meute und versuchte, unauffällig den Ballonbändel-Knoten zu lösen. (Oje, hätte ich gerufen, und leidvoll dem in den Himmel aufsteigenden Ballon nachgeschaut.) Der Knoten sass fest. Marketingknoten. Gelernt ist gelernt. Die Bise fauchte, ich fauchte zurück. Peng, Ballon im Gesicht. Lächeln, da winkt Frau Ledergerber! Peng, Ballon im Gesicht! Peng! Peng! Peng! Unauffällig grub ich meine Zähne in den Ballonbändel, er hielt stand. Tastete nach meine Sackmesser, unauffindbar. Peng! Peng! In den Ballon beissen? Undenkbar. Liebende Mütter beissen nicht in Ballons. Peng! Verzweifelt versuchte ich, den Ballon mittels eines Notknotens auf Halbmast zu hängen. Die Bise löste den Knoten im Nullkommanichts. Peng!

Ich hatte keine Wahl. Wortlos stürzte ich mich auf das Metzgermesser eines unschuldigen bündner Salamiverkäufers und rammte es mit einem gezielten Stich mitten in des Ballons Herz. Peng. Lächelnd stapfte ich nach Hause, im Rucksack nichts als einen grossen Mocken Bündnerfleisch.

3 Gedanken zu „Gegen den Wind“

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