Vom Nervensägen

Kinder sind Nervensägen. Das ist mittlerweile wissenschaftlich unumstritten. Was bedeutet, dass Kinder von morgens bis abends, und wenn du Pech hast, von morgens bis morgens, an deinen Nerven sägen. Sägen. Sägen. Sägen. Wochen, Monate, Jahre. Sägen. Sägen. So ungefähr 20 Jahre lang. Mindestens.

Kinder ticken anders. Kinder gehen nicht von A nach B, einfach so. Jede Tätigkeit ist hundertfach unterbrochen, und jede Unterbrechung gebiert neue Unterbrechungen. Nichts ist konstruktiv, nichts ist effektiv, nichts ökonomisch. Alles fällt runter, und nichts fällt dahin, wohin es fallen sollte, wenn schon. Das Konfibrot fällt auf den Kopf des Tischnachbarn, der Bäri in die Mayonnaise, die Zahnbürste in die Toilette, das Handy in die Pfütze, der Schuh in den Kuhfladen.

Von den grösseren Kindern weiss ich noch nicht so viel, nur vom Hörensagen: Sie nervensägen auch, aber anders. Ganz zu schweigen von den Pubertären und den Halberwachsenen. Furchtbar.

Sprich: Wenn du ein Kind willst, brauchst du gute Nerven. Wieviel man davon hat, ist genetisch bedingt, Punkt aus, und von dem, was man hat, hat man den grösseren Teil in der ersten Lebenshälfte. Nerven werden nicht dicker mit dem Alter. Logisch. Je mehr daran gesägt wird, umso dünner werden sie. Und je dünner sie sind, umso mehr stört es, wenn jemand daran sägt.

Es lohnt sich also, sich intensiv mit den Möglichkeiten der optimalen Nervenpflege auseinanderzusetzen, sofern unter den schlechtestmöglichen Umständen, wie sie zweifelsfrei im Falle eigener Kinder bestehen, überhaupt von optimal die Rede sein kann. Trotzdem versuche ich mich hier an einer Auflistung, die Ihnen, in aller Bescheidenheit, Lebensqualität und womöglich sogar –quantität schenken kann.

1) Schlaf

Nichts macht empfindliche Nerven so geschmeidig wie eine Mütze voll Schlaf. Nachts wegen der Tiefschlafphase mindestens sechs Stunden ohne Unterbrechung, tagsüber jederzeit in kleinen Quanten. Etcetera, etcetera, blabla. Liebe Eltern, ich weiss, es ist zynisch, also: Entschuldigung, vergessen Sie’s, weiter zu Punkt

2) Ernährung

Hierauf haben wir Eltern sicher deutlich mehr Einfluss als auf Punkt 1. Wir sind die Chefs im Hause, die Chefs de cuisine, und das ist unser Trumpf! Hier können wir auftischen, was unseren Nerven Nahrung ist, nämlich: Gute Fette. Vergessen Sie all den fettreduzierten Diät-Mist. Schmieren Sie Ihre Nervenscheiden mit Nervengleitcreme: Butter, Mandel- und Sesammus und die hochwertigsten Öle, die Sie finden können. Essen Sie Hafer, Nüsse, Amaranth, Vollkornprodukte und trinken Sie Hopfen, sprich: Bier. Bessere und detailliertere Infos finden Sie an anderer Stelle.

3) Spazieren

Falls Sie wie ich beim Spazierengehen den Eindruck haben, nur Alte, Kranke und Hundebesitzer gingen spazieren, lassen Sie sich vergewissert sein: Genau dazu gehören Sie, nämlich in die Patientenabteilung, Kategorie rekonvaleszent. Flanieren Sie, als befänden Sie sich in einer Davoser Höhenklinik. Das steigert den ohnehin vorhandenen Wert Ihres Spazierganges ins Unermessliche.

4) Zeit für sich

Wieder so ein Punkt, wie der erste, den man kaum aussprechen darf, ohne des Lesers ohnehin angespannte Nerven zu reizen: Alle wollen mehr davon, und kaum einer kriegt’s hin. Weil Kinder es einfach so an sich haben, dass sie einfach da sind. Genau da, wo man selber gerade ist. Jederzeit und überall. Einmal da, gehen sie zwanzig Jahre kaum mehr weg. Was man vielleicht die ersten paar Wochen schön findet. Doch irgendwann, irgendwann kommt der Tag, an dem man gerne mal wieder alleine auf die Toilette möchte. Alleine ins Kino. Alleine in den Wald. Alleine alleine sein. Ohne Kind, ohne Mann, ohne Hund, ohne alle.
Zeit für sich wird, wie der Schlaf, zur höchsten Kostbarkeit der Elternschaft. So schön die Nähe zu den Kindern ist, es ist alles eine Frage der Dosis. Und im Familiengefängnis, äh –gefilde ist die naturgegebene Dosis Ichzeit derart minim, dass es Kämpferblut braucht und ein gewisses Ausbruchs-Talent (Übungssache!), um zum individuell erforderlichen Mindestmass zu kommen. Kämpfen lohnt sich. Und zwar für alle Beteiligten.

5) Ordnung schaffen

Ja, sorry, jetzt werde ich auch noch bünzlig. Aber als eine in dieser, als auch in gegenteiliger Hinsicht äusserst erfahrene Fachfrau weiss ich: Der Unordnung, die Kinder naturgemäss in ihr Leben und bis in die hintersten Winkel Ihres Lebensraumes bringen, muss eine Limite gesetzt werden. Sonst sehe ich Sense, aus für Ihre Nerven. Oder suchen Sie gerne nach dem zweiten Schuh, wenn Sie pünktlich aus dem Haus müssen, während ihr Kind quäkt wie eine defekte Sirene? Eben.

6) Lärmquellen minimieren

Es beginnt unmittelbar nach der Geburt und hört sehr lange nicht mehr auf. Lärm (durch die familiäre Affinität insbesondere derjenige unserer eigenen Kinder) gelangt durch die Ohren direkt ins innerste Mark unserer Nerven und höhlt sie von innen her aus, heimtückisch und unwiderruflich. Schützen Sie Ihr Gehör, als handle es sich um Ihren Augapfel (der mit Sicherheit das bessere Los gezogen hat: zum Gucken sind die Kleinen fast ausschliesslich putzig, von ekligen Nasenpopeln jetzt mal abgesehen). Gehörschonend kann sich insbesondere eine konsequente Erziehung auswirken. Falls Sie diese nur suboptimal hinkriegen, oder falls es zu früh dafür ist (siehe Punkt 8): Scheuen Sie sich nicht vor dem Gebrauch von Oropax. Ist mittlerweile wissenschaftlich anerkannt als (PT) Parent-Tranquilizer und klassifiziert Sie keinesfalls als Rabeneltern, wie das noch vor wenigen Jahren der Fall gewesen wäre. Oropax sind kostengünstig im Multipack erhältlich und lassen sich problemlos an Nachbarn und Familienmitglieder verteilen.

7) Seien Sie klüger als Ihr Kind

Das klingt jetzt kinderleicht, aber die kleinen Biester sind schon mit zwei Jahren so schlau, dass es eine tägliche Herausforderung bedeutet, ihnen intellektuell überlegen zu sein. Seien Sie schlau wie ein Fuchs, lernen Sie frühstmöglich alles über „den richtigen Zeitpunkt“ (nachzulesen bald an dieser Stelle), nutzen Sie Schwächen und Regressionen, Lüste und Sehnsüchte ihrer Kinder. Natürlich nie bösartig, das versteht sich ja von selbst. Tricksen Sie hemmungslos, aber tricksen Sie so schlau, dass die Kleinen es nicht merken. Doch bedenken Sie: jeden Tag lernen die was dazu. Die Latte hängt hoch!

8) Anerkennen, was ist

Das Hadern ist einer der grössten Nervenkiller, und zwar ein besonders heimtückischer, da Hadernde Dinge verändern möchten, die unveränderbar sind. Ohrenbetäubendes Schreien, konstantes Fordern nach Aufmerksamkeit, hartnäckige Renitenz, juvenile Rebellion….. jede Phase mit ihren ureigenen Katastrophen. Kinder sind so. Und wir Eltern, wir sind auch so, nur anders. Unperfekt halt. Aber lernfähig.

9) Ooommmmm

Üben Sie sich in Gelassenheit, denn Gelassenheit lässt die Nerven sanft und lose schwingen im beissenden Wind des Alltags und erspart dem geschundenen Organ die ständige Anspannung zwischen den Fronten. Gelassenheit ist lernbar! Lernen Sie sich selber gut kennen und seien Sie nachlässig mit Ihren Kindern, wo immer Sie gut mit den Folgen leben können. (Vorsicht: Klippentanz! (siehe Punkt 6, Teil B)
Meditieren Sie von Drahtseilen und von dickem Seemansgarn; von gefetteten, gleitfähigen Nervenscheiden- und vom puren, pulsierenden, zeitlosen Glücksgefühl, das Ihre Kinder in Ihnen auslösen, auch wenn Ihnen das keiner glaubt.

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