Michèle Binswanger: Die Zen-Mütter

Bereit, mit den Zähnen in die Bordsteinkante zu fräsen.

Bereit, mit den Zähnen in die Bordsteinkante zu fräsen.

Im Überschwang der Vorfreude auf baldigen Nachwuchs antwortet so manch Schwangere auf die Frage, ob sie sich ein Mädchen oder einen Jungen wünsche: Ach, das spielt doch keine Rolle, Hauptsache das Kleine ist gesund.

Aber Irrtum. Es spielt sehr wohl eine Rolle.Jungsmütter sind anders als Mädchenmütter. Wäre Erziehung ein Velorennen, dann radelten Mädchenmütter schön ordentlich im Rennbahn-Oval eines Sechstagerennens. Bubenmütter dagegen haben eine halsbrecherische Downhillstrecke vor sich. Wobei noch nicht einmal der Kurs definiert ist.

Klar ist immerhin: Vor ihnen liegt die anspruchsvolle und zuweilen wohl auch holprige Aufgabe, neues und taugliches Mannsmaterial heran zu ziehen, das den vielfältigen Anforderungen einer emanzipierten Gesellschaft gerecht werden soll. Nur wie das funktioniert, das hat ihnen natürlich mal wieder keiner gesagt.

Es beginnt wie in der Philosophie: mit Staunen. Darüber, wie der Bubi sich schon im Mutterleib so heftig bewegt, dass er kaum auf Ultraschall zu bannen ist. Dass er später seinen 250ml Schoppen in der Manier eines Biertrinkers leert und ihn mit dem Wunsch nach mehr auf den Tisch knallt. Staunen, dass er zwar noch kein Wort spricht, aber offensichtlich schon präzis verschiedene Kategorien von Motorfahrzeugen unterscheidet, insbesondere jene, die auf Baustellen anzutreffen sind. Wo er sich im Übrigen stundenlang in den Anblick von Baggerschaufeln und Betonmischer vertiefen kann. Die Verwunderung über die scheinbar im männlichen Gencode verschlüsselten Informationen ist unerschöpflich

Ich wollte als Kind auch immer lieber ein Junge sein. Aber als Frau und Mutter weiss ich heute: Es reicht nicht, auch einfach interessante Dinge zu tun. Y-Chromosomenträgersind grundsätzlich anders als wir. Und das zeigt sich schon im Kleinkindalter. Nicht nur deshalb, weil Buben mit Vorliebe mit den Zähnen voraus in den Bordsteinrand fräsen, mit dem Schlitten durch den Stacheldraht rasen oder rücklings vom Hochbett donnern – eine Neigung, die übrigens wohl auch der Grund ist, warum Bubenmütter oft etwas Burschikoses anhaftet. In Stilettos rast es sich nun mal schlecht zum Unfallort, ganz zu schweigen vom den verheerenden Blutflecken, die solche Missgeschicke auf edler Garderobe hinterlassen.

Nun können Mädchen natürlich auch verunfallen, aber sie legen es einfach weniger drauf an. Und wenn mir mein vierjähriger Sohn mitteilt, dass ihm Männer im Fall besser gefallen als Frauen – also nicht vom Aussehen her, aber weil sie einfach spannendere Sachen machen –, dann frage ich mich zwar nicht, ob ich etwas falsch gemacht habe. Aber ob man als Mutter tatsächlich einen Einfluss auf seine genderspezifische Entwicklung hat. Vor allem, wenn der Sohn dann noch anfügt: Also weißt du, Tänzerinnen zum Beispiel gefallen mir schon.

Trotzdem ist es toll, eine Bubenmutter zu sein, auch wenn man sich allfällige romantische Vorstellungen von späterem trauten Tausch von Kleidern und Kosmetika mit dem Nachwuchs abschminken muss. Denn immerhin lassen uns die Jungs, zumindest anfangs, an ihren Vorstellungen in rührender Naivität Teil haben. Wenn sie etwa von ihrem glühenden Wunsch erzählen, einmal als Krieger ganz viele Feinde töten zu dürfen. Oder versichern, dass sie uns vor eben jenen Feinden beschützen werden, wenn wir einmal alt sind. Das holt uns das immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück: nämlich dass die Menschen und insbesondere das andere Geschlecht ein Rätsel sind.

Das zeigt sich auch, wenn es darum geht, den Sohn mittels Erziehung glücklich in die Gesellschaft einzufädeln. Wie eine kleine Feldforschung im Nahmütterbereich zeigt, ist das eine der grossen Herausforderungen. Denn während Mädchenmütter die Probleme, Sorgen und Nöte ihrer Töchter instinktiv nachvollziehen können, haben die Jungs eine ganz andere Reise vor sich. Eine, auf die wir Frauen vielleicht einen Einfluss haben, auch wenn wir nie erfahren werden, welchen. Letztlich können wir Mütter uns noch so sehr anstrengen, am Ende wird der Sohn sich den Papa zum Vorbild zu nehmen. Und das ist, trotz allfälligem gekränktem Narzissmus, gut so.

Aus: http://blog.tagesanzeiger.ch/mamablog/

3 Gedanken zu „Michèle Binswanger: Die Zen-Mütter“

  1. Ja, ich bin auch eine: eine Sohnesmutter. Der bald Zweijährige regt verschiedenste Gefühle im mir, Liebe undsoweiter, aber eines davon überrascht mich ganz besonders:

    Ich entdecke eine ganz neue Zärtlichkeit für das andere Geschlecht generell. Und ich verstehe endlich: SIE KÖNNEN NICHTS DAFÜR! MÄNNER SIND SO. Sie wurden nicht von bösen Müttern oder nichtsnutzigen Vätern oder nervösen Pädagogen dazu gemacht, sie haben sich das auch nicht antrainiert oder heimlich geübt oder auf traumatische Weise erworben, SIE SIND EINFACH SO.

    Neuerdings sehe ich in grossen, bärenstarken, muskelbepackten, selbstbewussten, willensstarken, gradlinigen, zielorientierten, zupackenden Mannsbildern den süssen kleinen Jungen, der Freude hat an allem, was Rädli oder ein Motor oder beides hat. Oder Knöpfli. Oder was rund ist wie ein Bälleli und was man tschutten oder werfen kann. Der sich messen will und den Grösseren haben muss. Der Kopf und Kragen riskiert, um der Schnellere zu sein.

    Männer, jetzt verstehe ich euch. ES IST ANGEBOREN. Jetzt können wir in Frieden miteinander leben.

    Nur, wenn ich diesen Gedanken zu Ende denke, und an die Meitli mit ihren Bäbeli und ihren Kinderwägeli denke, dann wird mir kurz schwindlig wegen der Konsequenzen, Sie wissen schon, ein paar Jährchen später, wenn es um die Rollenteilung von dem Meitli und dem Buebli geht.

    Irgendwie wird mir auch kurz schwindlig, wenn ich an die Konsequenzen dieses „Jetzt-versteh-ich-dich“ auf meine Beziehung zu meinem Mann und zu Männern im Allgemeinen denke. Wo bleibt da der Sex-Groove?“ Jööööö“ wirkt auf einen Mann wohl kaum stimulierend?! Und in der Frau wird wohl eher der Beschützerinnen-Instinkt gefördert, was auch nicht gerade sexy ist, meistens jedenfalls nicht.

    Und mir wird klar: Das gegenseitiges Verständnis der Geschlechter füreinander ist der Anziehungskraft nicht förderlich. Also: Back to the roots. Männer kommen von einem anderen Stern, sie sind rätselhafte und seltsame Wesen, die rätselhafte und seltsame Dinge tun, und die sehr, sehr stark sind. Ich schlag mir das mit dem Bueb im Manne wohl besser ganz schnell wieder aus dem Kopf.

  2. Es befremdet mich sehr im Bezug auf Buben, resp. Männlichkeit von (Zitat)
    neues und taugliches Mannsmaterial heran zu ziehen, das den vielfältigen Anforderungen einer emanzipierten Gesellschaft gerecht werden soll
    (Zitat Ende)
    zu lesen. Meiner Meinung nach fördert eine solche Wortwahl die Unterstützung zur oftmals gelebten Verachtung der Männlichkeit. Der Mann wird immer mehr als Ding gehandelt anstatt als Mensch behandelt.

  3. bin 3fache jungenmutter und sehe das ganze nicht als downhillfahrt an. auch musste ich mich (noch?) nicht damit auseinandersetzen, wie ich die drei gut in die gesellschaft einfaedle. sie scheinen alle drei sozial angepasste kinder zu sein, die einfach freunde und freundinnen machen (auch in verschiedenen laendern). teilweise machten sie eine phase von ball-liebhaberei durch, nie sehr intensiv.
    woran es liegt, dass die drei nun so sind: keine ahnung. sie erleben eine berufstaetige mutter und einen vater, der sich oft um die familienbelange kuemmern muss, wenn ich auf beruflich reisen bin. und sind mit tagesmutter, krippe, hort aufgewachsen. und scheinen mir sehr gluecklich.

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