Wiedereingliederung

Es kommt die Zeit im Leben einer Mutter, da sie wieder Fragmente ihres früheren Lebens als Frau aufnehmen muss, will sie nicht vor die Hunde gehen.

Elternschaft bedeutet ja auch, eigene Interessen zugunsten der Nachkömmlinge hintan zu stellen, was vollkommen okay ist. Wie immer: alles eine Frage der Dosis. Man liebt wie nie zuvor, man gibt alles, man vergisst die Zeit – und gelegentlich auch sich selbst. Doch irgendwann drängen die eigenen Bedürfnisse vulkanartig nach oben, und dann muss man wieder aufpassen mit der Dosierung, wenn man denn die Luken von Zeit zu Zeit ein bisschen zum Öffnen kommt. Ansonsten: Siehe Stromboli, Ätna, Eyjafjallajökull.

All das ver-x-facht sich bei Alleinerziehenden, da ein Partner zumeist von Nutzen ist, wenn man Bedürfnisse hat. Erstens, weil es eine Grundvoraussetzung ist, dass man das Kind jemandem in die Hand drücken kann, wenn man früheren Hobbys nachgehen will. Zweitens, weil einige Bedürfnisse unter Umständen in direktem Zusammenhang mit dem Partner stehen.

Was ich sagen will: Ich war wieder einmal Salsa tanzen. Wie früher. Nur anders: scheu wie ein junges Mädchen, unsicher, steif in der Wirbelsäule, fast schon anthrophobisch. Wie schnell man das Leben, das andere Leben, verlernt.

Die Szene: Stellen Sie sich einen Marktplatz vor. Die Frauen sind die Ware. Hübsch, herausgeputzt, sexy allesamt. Die Männer flanieren unauffällig, lassen ihre Blicke schweifen, dann schnappen sie zu. Worauf das Paar göttlichen Spass miteinander hat, ich meine Salsa tanzt.

Ich: am hintersten Tisch an der Wand, beinahe unsichtbar im mehr und mehr gedimmten Licht, einzig beschienen (von unten! unvorteilhaft!) durch eine verlorene Rechaudkerze auf dem Tisch. Meine Freundin ist irgendwann auf der Tanzfläche verschwunden, wie fast alle Frauen an meiner Tischreihe. Fünf sind wir noch.

In Gedanken gehe ich meinen Marktwert durch. Hat er gewonnen, hat er verloren durch die 4 Jahre Mutterschaft? (Verloren! Das Alter! Die Sorgen!) Was habe ich, was andere hier nicht haben? (Nichts!) Ernüchterung macht sich breit, ich sehe auf die Uhr, denke, für ein erstes Mal schnuppern war’s ganz okay, wann fährt der nächste Zug.

Doch dann meldet sich irgendein Vulkan, ich weiss nicht, welcher: „Hey, Du bist Schütze, das Jagen war immer deine Stärke! Steh auf und schnapp dir einen! Jetzt! Sofort!“ Ich stand auf und schnappte mir einen. Und es war wunderbar, nein: überwältigend. Da hast du zwei Jahre keinen Mann, und dann hast du plötzlich NULL cm3 Luft zwischen dir und einem. (Die Musik hatte just in dem Moment, als wir die Tanzfläche erreichten, auf Bachata gewechselt, klassische Filmszene.) Ich unterdrückte ein Zittern und diverse Freudenseufzer. Ich entflammte, pulsierte, ich glühte.

Der nächste Kandidat war der Tisch-Abräumer, Typ sympathischer Womanizer. Er solle mal eben die Harasse beiseite stellen und mit mir tanzen. Was ihn dermassen verwirrte, dass er seine Hand, die gerade eine Flasche packen wollte, in die Rechaudkerze tunkte, und erschrocken das heisse Wachs auf dem Tisch verspritzte. In diesem Moment wusste ich: Mein Marktwert war vollkommen in Ordnung.

Ich sprühte also Funken, meine Hüfte löste sich, ich schüttelte meine manzanas, ich warb und und wurde umworben, ich kassierte Komplimente und ich verteilte welche wie, jetzt passen Sie mal gut auf: Tienes fuego en tus ojos.“

Und die Moral von der Geschicht’? Martkwirtschaft ist nichts, sentimiento ist alles. Spanisch ist schön, und das Leben an und für sich auch. Beides zu haben, Kinder und ein Leben daneben, gut dosiert, ist ein grosses Privileg. Finden Sie nicht?