Die soziale Tragödie

Das waren noch Zeiten! Szene aus "Dirty dancing"

Das waren noch Zeiten! Szene aus "Dirty dancing"

Neulich, gegen Ende der Salsanacht, Standort Tresen: Drei Frauen im allerbesten Alter bilanzierten. Eine (sehr hübsch, blond, grossbusig): jungfräulich, sprich unbetanzt. Die andere (sexy Brunette im kleinen Schwarzen): ein Tanz, Dauer drei Minuten. Ich: durchgetanzt, aber nur dank hemdsärmliger Eigeninitiative, sprich Männer beim Schopf gepackt und zum Tanzen genötigt, sozusagen. Sogar mit Inkaufnahme von Würdeverlust, sprich Warteschlange vor dem Mann.

„In Kuba würde sie sich um uns reissen!“ meinte die Brunette verträumt. „Man müsste in einem Verein sein, damit sie einen kennen und merken, dass sie keine Angst haben müssen“ die Blondine.

„Es ist eine verdammte soziale Tragödie!“ rief ich aus. „Kann es denn sein, dass die Männer sich nicht mehr trauen, eine Frau zum Tanz aufzufordern? Müssen wir jetzt alles selber machen, Damenwahl forever? Sind denn alle zu Weicheiern, Warmduschern und Frauenverstehern geworden?! Solche Flachwixer, also wirklich!“ Meine Enttäuschung schlug um in Wut. Nun, damit vertreibt man die Spezies Mann erst recht. Wütende Frauen stehen auf Platz zwei in männlichen der ubedingt-zu-vermeiden-Skala, gleich hinter den weinenden Frauen.

Ja, ich weiss, sie sind verunsichert, die Männer. Aber hey, langsam könntet ihr euch wieder einkriegen und euch auf die Qualitäten rückbesinnen, die euch schon immer gut zu Gesicht gestanden haben. Ohne dabei das knowhow, die Einfühlsamkeit und den Grips gleich wieder zu verlieren. Aber lasst doch bitte wieder mal euren inneren Muni raus. Wir vermissen ihn!

Liebe Männer: Wir Frauen wollen angebaggert werden! Wir wollen gepackt werden! Wir wollen abgeschleppt werden! Wir wollen geführt werden, energisch und ohne Raum für Widerspruch! Wir wollen den Abstand beim Tanz lieber vergrössern als verkleinern müssen, wenn schon! Wir wollen mutige Männer! Und wenn ihre eine Abfuhr kassiert: sucht euch eine andere und baggert weiter. Denn das ist euer Auftrag: baggern, bohren, packen, führen, festhalten, begatten, begiggern, verführen, befummeln, umwerben.

Und was haben wir Frauen zu tun? Laut original kubanischen Salsareglement: gut aussehen, lächeln, Hüfte schwingen, Mann bewundern (für seine Führungsstärke, zum Beispiel).

Ist das alles nicht herrlich einfach?

Ich kenne eine Menge Frauen, denen die Galle hochkommt in Anbetracht solcher Statements; Frauen, die ohne zu zögern das original kubanische Salsareglement öffentlich verbrennen würden, im Übergwändli, hammerschwingend, „nieder mit den Machos!“ skandierend.

Tatsächlich führt die salsaische Rollenverteilung an Tanzschulen und dergleichen regelmässig zu ernsthaften Beziehungskrisen. Der Mann (Hosenscheisser!) kann nicht (mehr) führen, die Frau (Gift-Emanze!) kann sich nicht (mehr) führen lassen. Die Rollen umzukehren wäre die schlechteste Lösung.

Ich behaupte jetzt mal: Wenn wir Frauen uns in unserer „neuen“, emanzipierten Rolle sicher fühlen würden, hätten wir auch keine Mühe, die hingebungsvolle Venus herauszukehren. Es bricht uns kein Zacken aus der Krone, genau so wenig wie der Machismo einem klugen Mann schadet. Mit den verschiedenen Rollen zu spielen, in der Arbeit, in der Liebe, beim Tanz: das ist Kunst, die Spass macht. Lasset uns üben.