Das kranke Kind als Gradmesser der Gleichstellung von Mann und Frau
Freitag, 20. Mai 2011
Was macht eine berufstätige Mutter, wenn ihr Kind krank ist? Was erwartet der Arbeitgeber? Der Kindsvater? Und sie selbst?
Bis anhin hatte ich, in Anbetracht der Unlösbarkeit des Problems, die Option „Gring ache, seckle, Augen zu, Fall wird nicht eintreffen“ gewählt. Ging schief, weil Fall traf ein, und ich: vollkommen unvorbereitet. Krippe rief an, Kind krank und heimzuholend. Ja, in welcher Zeit leben wir denn? Glauben die in der Krippe immer noch an glückliche Ehen mit glücklichen Hausfrauen, die nur darauf warten, dass sie ihr Kind heimholen und gesundpflegen können?
Und überhaupt: Warum rufen die nicht den Vater an?
Wie viele Väter gibt es, die ihren Arbeitsplatz unmittelbar verlassen können/dürfen/wollen/müssen, wenn ihr Kind krank ist? Wie das wohl ankommt bei den Kollegen und beim Chef? Meistens, das behaupte ich jetzt mal frei heraus, wandern die (vorwurfsvollen) Blicke im Falle eines kranken Kindes automatisch zur Mutter, und dann kann sie von Glück reden, wenn sie nicht grad auch noch Schuld daran ist, dass das Kind überhaupt krank geworden ist.
Und wer ist Schuld daran, dass die Verantwortung für ein krankes Kind zu 96,5% bei der Mutter liegt? Der Mann? Die Frau? Die anderen?
Auch wenn sich die Schweiz emanzipiert schimpft: Patriarchen gibt es noch sehr viele, und am allertiefsten in der Patriarchenseele sitzt das Bewusstsein dafür, dass die Mama verantwortlich ist für das Kindeswohl. Ein bisschen Spass haben, ein bisschen spielen, ein bisschen vorzeigen, ein bisschen rumlümmeln, all das ein Papa-Job, keine Frage. Doch sobald echte Organisation gefragt ist, Essen, Kleidung, Schulreise, und eben Krankheit, dreht der Schalter im Patriarchenhirn eindeutig auf: Mama muss ran.
Was aber geschieht im vermeintlich emanzipierten und gescheiten, komplex kumulierten Frauenhirn? Liebe Leserin, ich warne Sie: Wenn Sie über ein empfindliches Nervensystem verfügen, dann sollten hier nicht weiterlesen, oder vielleicht erst ein Actimel oder einen Schluck Kaffeelikör trinken gehen oder einen Schokoriegel essen. Denn was jetzt kommt, ist sehr, sehr schmerzhaft.
Weil die Seele im Frauenhirn drin scheinbar noch immer nichts lieber tun will, als unmittelbar, kompromiss- und kopflos das Kind von der Krippe heimholen und es gesundpflegen. Genau das und nichts anderes auf der Welt. Mögliche andere Optionen auch bei deren Vorhandensein: ausgeblendet. Weil wenn ein krankes Kind ruft, siehst du von einer Mutter nur noch die Funken der Absätze auf dem Asphalt. Von Hinten.
Ist das jetzt Biologie, sprich Schwangerschafts- und Stillbounding? Oder Genderzeugs? Ist es psychische Schwäche, sprich übertriebenes Mitgefühl, Schuldgefühle, Helferkomplex? Ist es heilbar? Sind die Mütter krank, die ihre Kinder aus Berufsgeilheit abschieben? Oder ist die Gesellschaft krank, weil sie den Vätern die Väterkompetenz entzieht? Haben die Väter einen Mangel an väterlicher Fürsorge-Kompetenz?
Falls Sie es noch nicht gewusst haben sollten: Es ist alles recht kompliziert.
Dazu gibt es etwas zu bedenken, was wir bisher in unseren Überlegungen ausgeblendet hatten: Das Kind selbst. Ist es krank, wo will es dann am liebsten sein? Bei der Nachbarin? Auf der Matratze im Turnzimmer der Kita? Sehen Sie, hier wird es wieder einfach: Das kranke Kind will zuhause sein, in seiner gewohnten Umgebung, im geschützten Nest.* Mit Mama. Oder Papa.
*Anmerkung der Verfasserin: An dieser Stelle hätte ich am liebsten hinzugefügt: Wer wüsste das besser als die Mütter dieser Welt? Hab ich aber nicht getan. Konnte mich gerade noch zurückhalten.